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Der Perspektivenkongreß in Berlin endete nicht mit mit dem offiziellen
Abschlußpodium, sondern mit einem Vernetzungstreffen: Rund 90 interessierte
Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten sich zusammen, um zu beraten, wie die
Inhalte des Kongresses weitergetragen werden könnten.
Einigkeit gab es schnell über das formale Vorgehen: Die engagierten Gruppen,
die auf dem Kongreß miteinander ins Gespräch gekommen waren, sollten jetzt
örtlich und regional aufeinander zugehen und die Themen des Kongresses zum
Gegenstand gemeinsamer Aktivitäten machen. Der Kontakt zwischen lokalen
Gewerkschaftsorganisationen und den örtlichen politisch aktiven Gruppen
wurde besonders empfohlen. Das könne z. B. schon damit beginnen, daß sich
nichtgewerkschaftliche Gruppen bzw. gemeinsame Foren in Gewerkschaftshäusern
treffen.
Nicht ganz so einfach war es bei der Frage, welche Themen Gegenstand
gemeinsamer Aktivitäten sein könnten. Horst Schmitthenner von der
Industriegewerkschaft Metall machte namens des Kongreß-Vorbereitungskreises
den Vorschlag, die Fülle der Inhalte in vier Themengruppen zu bündeln. Die
Diskussionsteilnehmer griffen den Vorschlag im wesentlichen auf und trugen
Details zur inhaltlichen Ausgestaltung bei:
- Arbeit und Armut
Darunter fallen Themen wie Niedriglohn-Strategien, Umbau des Sozialsystems,
Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, Fragen der
Eigentumsverteilung; Arm und Reich, öffentliche Armut und privater Reichtum,
Ausbeutung der Dritten Welt, alternative Wirtschaftspolitik, Sozialabbau
allgemein, Steuergerechtigkeit, Forderungen nach Rückkehr zum Sozialstaat
...
- Arbeitszeitverlängerung (bzw. -verkürzung)
Einzelthemen: Arbeitsdruck im Betrieb, Gesundheitsprobleme, Tariffragen,
Ladenöffnungszeiten, Forderung nach der 30-Stunden-Woche ...
- Privatisierungswahn
Einzelthemen: Fragen der öffentlichen Daseinsvorsorge, Wasser, Stadtwerke,
Schulen, Hochschulen, Bürger- oder Privatversicherung, Gesundheitswesen,
GATS-Forderungen, politische Entscheidungsverlagerung auf die
Wirtschaftsebene, Entdemokratisierung ...
- Standortkonzepte, Standortkonkurrenz
Einzelthemen: Konkurrenz statt Kooperation und was dabei herauskommt
lokal, regional, national, international; zukunftstaugliche Modelle einer
Kooperation, Konkurrenzen in der EU, Entwicklungsmodelle für die Dritte Welt
...
Es zeigte sich jedoch, daß diese vier Punkte nicht das gesamte
Themenspektrum abdecken. Es wurden noch folgende Themenbereiche genannt, die
sich nicht ohne weiteres unter die o. a. vier Punkte subsummieren lassen:
- Die Sozialverbände lassen sich nicht mobilisieren, wenn die Themen
ausschließlich auf die Erwerbsarbeit zielen. Aber die Mitglieder dieser
Gruppen seien vom Sozialabbau wesentlich betroffen.
- Mehrere Diskussionsteilnehmer/innen brachten die Themenfelder Ökologie
und Wachstum zur Sprache. Stichworte: Ende des Wachstums;
Subsistenzwirtschaft; Versuche, anders zu leben; Hinweise darauf, das eigene
Leben zu ändern ...
Ein Teilnehmer erhielt Beifall für seinen Hinweis, er vermisse die
Thematisierung der deutschen Bildungskatastrophe, die freilich durchaus
unter dem Punkt »Arbeit und Armut« Platz finden könnte. Ein anderer Hinweis
betraf weniger die Einzelthemen, dafür aber die allgemeine politische
Strategie: Es sei im Hinblick auf die Bewegungen in anderen Ländern eine
»internationale Argumentation« notwendig; man müsse jetzt auch den »Kampf um
Begriffe« beginnen. Als Generalthema wurde vorgeschlagen: »Es ist genug für
alle da«; ein anderer meinte, die Themen sollten immer so gewählt werden,
daß mit den Worten »für alle« enden. Der Beifall dafür hielt sich in
Grenzen.
Fazit: Die allgemeine gesellschaftskritische Richtung war deutlich, aber ein
Generalmotto für die Aktivitäten der nächsten Zeit fand sich so schnell
nicht. Indessen stehen die nächsten Aktionstermine fest: Im Oktober findet
in London das Europäische Sozialforum statt. Auch ein deutsches Sozialforum
ist geplant; das Vorbereitungstreffen dafür ist im Juli. Schließlich droht
für viele Menschen zum Jahresbeginn 2005 ein neuer Schritt in die Armut,
wenn die Hartz-IV-Regelungen (Zusammenlegung von Arbeitslosen- und
Sozialhilfe) in Kraft treten, was verhindert werden solle. Vielleicht, so
Sven Giegold von Attac, ließe sich der Buß- und Bettag als Aktionstag
besetzen; so bekäme man auch die Kirche ins Boot.
Der Trägerkreis des Perspektivenkongresses wird nun die Ergebnisse des
Kongresses und des Vernetzungstreffens auswerten und die nächsten Schritte
beraten. |