Die Solidarität schmilzt nicht
von selbst.
Friedhelm Hengsbach SJ., Frankfurt am Main
Die Tugend der Solidarität ist entgegen dem Lamento der Kulturkritiker
nicht weg geschmolzen. Geschmolzen ist die Steuerungsform der Solidarität,
der organisierte und rechtsverbindliche Ausgleich gesellschaftlicher Risiken,
die aus abhängiger Beschäftigung, Geschlechterzugehörigkeit
und der Umweltzerstörung entstehen. Die Strukturen der Solidarität
schmelzen, weil ihnen die bisherigen Grundlagen weggebrochen sind - beispielsweise
die ununterbrochene Erwerbsbiographie, die lebenslange Partnerbindung
der Frau an den erwerbstätigen Mann und der Normalfall eines Haushalts
mit mehreren Kindern. Vor allem jedoch sind sie mutwillig oder fahrlässig
politisch deformiert worden.
I.
Ein echter Stellvertreter deformierter Solidarität ist der Agenda-Prozess
und das Agenda-Ergebnis. Nach der Aufbruch-Rede des Kanzlers vor einem
Jahr wurde der Aufbruch Deutschlands bejubelt: Das Land bewegt sich, ist
reformfähig. Nach einem Jahr fragen sich die politischen Akteure:
Was ist schief gelaufen?
Dem angeblichen Aufbruch lag eine Fehldiagnose zugrunde: die einzelnen
Arbeitslosen, Kranken, Rentner stellen überdehnte Ansprüche
an die Gesellschaft. Der Sozialstaat ist die Ursache der wirtschaftlichen
Stagnation.
Außerdem wurden Mega-Trends beschworen, denen sich die gesellschaftlichen
Akteure und die politischen Entscheidungsträger anzupassen hätten.
Imperiale Gesten sollten Entschlossenheit signalisieren. "Wir werden
dafür sorgen, dass das funktioniert."
Anstelle von Reformen zur Verbesserung der Lebenslage breiter Bevölkerungsschichten
wurden Reformspektakel inszeniert. Die politische Klasse beteiligte sich
an einem Feldzug gegen die solidarischen Sicherungssysteme. Gesellschaftliche
Risiken wurden individualisiert, privatisiert und kommerzialisiert.
Eine ungerechte und erfolglose Agenda - diese Bilanz ist nach einem Jahr
berechtigt.
II.
Die Agenda ist ein echter Stellvertreter der marktradikalen wirtschaftsliberalen
Propaganda, die seit Mitte der 70er Jahre die Mentalität der ökonomischen
und politischen Eliten in den westlichen Ländern beherrscht. Wie
konnte diese Kulturrevolution derart erfolgreich sein? Ich möchte
einige Vermutungen formulieren:
Von plausiblen Therapien zu immunisierenden Glaubensbekenntnissen
Nach den Schocks, von denen die Weltwirtschaft Anfang der 70er Jahre
befallen war, bot sich eine Therapie als plausibel an, die dem "Weiter
so" umtriebiger aber zielloser Staatsinterventionen zur Belebung
der Wirtschaft, die nur geringe kurzfristige Erfolge hatten, meist jedoch
die Inflation beschleunigten, den Kampf ansagte und statt dessen vorschlug:
Entregelung und Freisetzung wirtschaftlicher Kräfte, staatliche Rahmensetzung,
Priorität der Geldwertstabilität. Aber bald schon wurde aus
der plausiblen Theorie ein selbstbezogenes Glaubensbekenntnis: Vertraue
auf die Selbstheilungskräfte des Marktes, der schlanke Staat ist
der beste aller möglichen Staaten. Überlass der Notenbank die
Wirtschaftspolitik, indem diese die Inflation rigoros bekämpft. Dann
folgen Wachstum und Vollbeschäftigung automatisch. Das martkradikale
Credo konnte zunächst an geteilte Überzeugungen anknüpfen:
das wirtschaftliches Denken ein Faktum der Vernunft sei, dass die Wohlfahrtseinrichtungen
sozialstaatliche Agenturen geworden seien, dass die Geldentwertung
diejenigen treffe, die nicht in Sachvermögen fliehen können.
Als sich die Versprechungen immer häufiger als leer erwiesen, immunisierte
man sich durch die Konstruktion idealtypischer Marktmodelle, die von den
real existierenden Märkten weit entfernt waren.
Hegemoniale Dominanz
Die marktradikale, wirtschaftliberale Propaganda des "Washington
Consensus" konnte sich des Finanzsystems sowie der politischen und
militärischen Übermacht der USA bedienen. Wertpapiermärkte,
die von Großbanken, Versicherungskonzernen und Investmentfonds kontrolliert
waren, kontrollierten die Unternehmen. Die Finanzmärkte setzten durch,
dass die Manager weltweit den Interessen der Aktionäre folgten, ihre
Entscheidungen am Unternehmenswert orientierten, der sich angeblich in
den Aktienkursen spiegelte. Das Unternehmen wurde als Vermögensmasse
der Anteilseigner gedeutet. Private kapitalgedeckte Systeme der Alterssicherung
verdrängten solidarische umlagefinanzierte Systeme. Ratingagenturen
und deren Sprachspiele, wie sie in den USA galten, wurden zum Maßstab
der transnationalen Unternehmen.
Trenderklärungen
Die ökonomischen und politischen Eliten griffen zu Trenderklärungen,
die in der Regel die komplexe Welt auf eine einzige oder wenige Variable
zurückführen und deterministische Ursache-Wirkungszusammenhänge
vortäuschen, in ihrem Erklärungswert meist jedoch ziemlich diffus
bleiben. Die häufigsten Mega-Trends sind die Globalisierung, die
demographische Entwicklung, die Revolution der Neuen Techniken und der
Wertewandel. Diesen Trends gegenüber sind politische Entscheidungsträger
und gesellschaftliche Akteure ohnmächtig. Sie müssen sich ihnen
anpassen, dazu gibt es keine Alternative.
Prügelknaben
Neben der individuellen Schuldzuweisung an Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger,
Rentner und Kranke und neben dem Staat als Hauptschuldigen werden die
Mängel, die für die Krise verantwortlich gemacht werden, auf
dem Arbeitsmarkt, in den Institutionen der Primär- und Sekundärverteilung,
nämlich den Gewerkschaften bzw. der Bundesanstalt für Arbeit
und den sozialen Sicherungssystemen ausfindig gemacht.
Abwehrschwäche
Die marktradikale wirtschaftliberale Propaganda hat sich bei geringem
Widerstand deshalb so erfolgreich durchsetzen können, weil erstens
die 70er Jahre unter dem Eindruck einer bahnbrechenden Individualisierung
von Lebensentwürfen und Lebenschancen standen, während die Individualisierung
der Lebensrisiken nicht in den Blick geriet. Zweitens wurden die 80er
Jahre als Phase einer außergewöhnlichen Innen- und Erlebnisorientierung
gedeutet. Die marktradikale Propaganda hat sich drittens mit einer normativen
Aufladung unterfüttert: zum
einen wurden die Begriffe der Gerechtigkeit und Solidarität neu definiert.
An die Stelle der Verteilungsgerechtigkeit trat die Chancengerechtigkeit
und Beteiligungsgerechtigkeit. Gerechtigkeit sei stärker von der
Freiheit und den Bedürfnissen der einzelnen her zu deuten. Dem entspreche
die Leistungsgerechtigkeit des Marktes, die verdiente Differenzen und
Ungleichheiten respektiere. Viertens trat die wirtschaftsliberale Propaganda
meist im Gewand eines wertkonservativen Gesellschaftsmodells auf, das
mit idealistisch gefärbter Partnerschaft, Familie und Volksgemeinschaft
geziert war. Und fünftens lockte und belohnte eine wohlhabende und
vermögende Klasse der zivilen Bürgergesellschaft jene Jugendliche,
die sich dem Druck der Konkurrenz unterwarfen und sich gegen die, die
weniger erfolgreich waren, abzugrenzen verstanden.
Stockender Feldzug gegen die Solidarität
Der Feldzug gegen die Solidaritätsstrukturen gerät offensichtlich
ins Stocken. In den USA wird von der Ablösung des Washington-Consensus
durch den "Post-Washington-Consensus" gesprochen. In Deutschland
gehen breite Bevölkerungsschichten auf Distanz zu den Beschlüssen
der politischen Klasse. Sie üben Wahlenthaltung, verweigern der SPD
ihre Stimme, beurteilen die so genannten Reformen, die tatsächlich
Abwärtsspiralen sind, als sozial ungerecht und unwirksam. Diese Distanz
ist kein Vermittlungsproblem, sondern gründet in abweichender Wahrnehmung.
Inzwischen artikuliert sich der öffentliche Widerspruch. Nicht so
die Bürgerkonvente, die sogenannten Experten, Sachverständigen,
die mehrheitlich sich selbst zitierenden Forschungsinstitute und Wirtschaftsverbände,
die "Weiter so" in marktradikaler und wirtschaftsliberaler Konsequenz
tönen. Die politischen Entscheidungsträger in der Regierung
gehen in Deckung, die Opposition zieht ihre radikalen Scharfmacher für
vereinfachte Steuern und schärfere soziale Einschnitte in das hintere
Glied zurück. Außerhalb des Parlaments und der Parteien formieren
sich überzeugende Bewegungen einer ökonomischen und monetären
Alphabetisierung. Attac, Gewerkschaften sowie diakonische und caritative
Gruppierungen in den Kirchen greifen den Anspruch auf, das Soziale neu
zu denken, aber vorzugsweise solidarisch.
Download der Rede als rtf
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