»Perspektivenkongress - Es geht auch anders«
14. - 16. Mai Berlin

Berichterstattung

Zukunft wird verschenkt: soziale Ungleichheit durch Bildung

mit
Eva-Maria Stange, Vorsitzende GEW
Dorothea Müller, ver.di-Bundesvorstand
Stefan Bienefeld, ehem. Vorsitzender ESIB
Klemens Himperle, ABS
Prof. Dr. Hans-Uwe Otto, Uni - Bielefeld

Moderation: Vera Klier, Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler / BdWi.

Die Podiumsteilnehmer waren sich einig: Soll unser Bildungssystems sinnvoll reformiert werden, steht am Anfang die Suche nach einem neuen Bildungsbegriff. Das momentane Bildungssystem in Deutschland ist hoch selektiv und stützt sich auf einen veralterten Bildungsbegriff. Doch von der Politik werden die Strukturen des Systems, besonders die des Schulsystems, bei aller Einsicht für die Notwendigkeit von Reformen, häufig kaum in Frage gestellt. Man will nicht das System sondern im Rahmen des Systems reformieren. Ein radikales Umdenken ist jedoch notwendig, so der Tenor des Podiums. Ein Umdenken weg von einer immer weiteren Öffnung des Bildungssektors in Richtung Markt und einer immer stärkeren Selektivität von Bildungsangeboten, welche soziale Ungleichheiten nicht abzufangen vermag, sondern diese im Gegenteil noch verstärkt. Dies gilt für alle Bereiche von der Schulbildung über die Berufsausbildung und Hochschulbildung bis hin zur Weiterbildung.

Die Podiumsteilnehmer zeigten in der ersten Runde des Gesprächs Mißstände und Problemstellungen in den verschiedenen Teilbereichen des Bildungssektors auf, um im Folgenden über möglich Alternativen zu sprechen.

Eva-Maria Stange, GEW-Vorsitzende, stellte das Konzept „Eine Schule für alle“ vor. Im Rahmen einer Ganztagsschule könnten so bis zur 9. Klasse Schüler aller Leistungsniveaus gemeinsam unterrichtet werden. Dies habe viele Vorteile und könne die soziale Benachteiligung von Kindern aus bestimmten Bevölkerungsschichten besser abfangen als das mehrgliedrige, stark differenzierende System.
Im Hochschulsektor stellt sich für Professor Otto, Universität Bielefeld, in der momentanen Umbruchsphase die Frage, welchen Weg man einschlägt: den der Amerikanisierung, was seiner Meinung nach eine noch größere Selektivität und stärkere Elitebildung zur Folge hätte oder einen europäischen Weg unter Einbeziehungen der eigenen in Deutschland gemachten Erfahrungen.
Klemens Himperle vom Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS) wies auf die Gefahren des immer stärkeren Konkurrenzsystems hin und stellte heraus das ein Finanzierungssystem für die Hochschulbildung nur dann gerecht sein könne, wenn es ans Einkommen gekoppelt ist.
Stefan Bienefeld, ehemaliger Vorsitzender des ESIB (Dachorganisation der Europäischen Studentenvertretungen), zeigte auf, dass die Macht internationaler Organisationen über die nationalen Bildungssektoren gemeinhin unterschätzt werde und forderte außerdem eine klarere Linie in der deutschen Hochschulpolitik.
Dorothea Müller vom ver.di-Bundesvorstand zeigte auf, dass die Beteiligung an Weiterbildungsmaßnahmen in den lezten Jahren immer mehr zurückgegangen ist, die Bildungsträger mit der Öffnung zum Markt in immer stärkere Existenznöte geraten und die Qualität von Angeboten neuer, billigerer Anbieter oft zweifelhaft sei. Sie plädierte für eine Sicherung der Fortbildung über Betriebsvereinbarungen und auf der Ebene von Tarifverträgen, wobei man von diesem Ziel noch ein gutes Stück entfernt sei.

Am Ende des Podiumsgesprächs entwickelte sich auch im Publikum eine rege Diskussion zum Thema, welche sicherlich in einigen der zahlreichen Workshops zum Thema Bildung fortgesetzt werden konnte.

Anna Bodenheimer

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