| Zukunft wird verschenkt:
soziale Ungleichheit durch Bildung mit
Eva-Maria Stange, Vorsitzende GEW
Dorothea Müller, ver.di-Bundesvorstand
Stefan Bienefeld, ehem. Vorsitzender ESIB
Klemens Himperle, ABS
Prof. Dr. Hans-Uwe Otto, Uni - Bielefeld
Moderation: Vera Klier, Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler / BdWi.
Die Podiumsteilnehmer waren sich einig: Soll unser Bildungssystems sinnvoll
reformiert werden, steht am Anfang die Suche nach einem neuen Bildungsbegriff.
Das momentane Bildungssystem in Deutschland ist hoch selektiv und stützt
sich auf einen veralterten Bildungsbegriff. Doch von der Politik werden
die Strukturen des Systems, besonders die des Schulsystems, bei aller
Einsicht für die Notwendigkeit von Reformen, häufig kaum in
Frage gestellt. Man will nicht das System sondern im Rahmen des Systems
reformieren. Ein radikales Umdenken ist jedoch notwendig, so der Tenor
des Podiums. Ein Umdenken weg von einer immer weiteren Öffnung des
Bildungssektors in Richtung Markt und einer immer stärkeren Selektivität
von Bildungsangeboten, welche soziale Ungleichheiten nicht abzufangen
vermag, sondern diese im Gegenteil noch verstärkt. Dies gilt für
alle Bereiche von der Schulbildung über die Berufsausbildung und
Hochschulbildung bis hin zur Weiterbildung.
Die Podiumsteilnehmer zeigten in der ersten Runde des Gesprächs
Mißstände und Problemstellungen in den verschiedenen Teilbereichen
des Bildungssektors auf, um im Folgenden über möglich Alternativen
zu sprechen.
Eva-Maria Stange, GEW-Vorsitzende, stellte das Konzept „Eine Schule
für alle“ vor. Im Rahmen einer Ganztagsschule könnten
so bis zur 9. Klasse Schüler aller Leistungsniveaus gemeinsam unterrichtet
werden. Dies habe viele Vorteile und könne die soziale Benachteiligung
von Kindern aus bestimmten Bevölkerungsschichten besser abfangen
als das mehrgliedrige, stark differenzierende System.
Im Hochschulsektor stellt sich für Professor Otto, Universität
Bielefeld, in der momentanen Umbruchsphase die Frage, welchen Weg man
einschlägt: den der Amerikanisierung, was seiner Meinung nach eine
noch größere Selektivität und stärkere Elitebildung
zur Folge hätte oder einen europäischen Weg unter Einbeziehungen
der eigenen in Deutschland gemachten Erfahrungen.
Klemens Himperle vom Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS)
wies auf die Gefahren des immer stärkeren Konkurrenzsystems hin und
stellte heraus das ein Finanzierungssystem für die Hochschulbildung
nur dann gerecht sein könne, wenn es ans Einkommen gekoppelt ist.
Stefan Bienefeld, ehemaliger Vorsitzender des ESIB (Dachorganisation der
Europäischen Studentenvertretungen), zeigte auf, dass die Macht internationaler
Organisationen über die nationalen Bildungssektoren gemeinhin unterschätzt
werde und forderte außerdem eine klarere Linie in der deutschen
Hochschulpolitik.
Dorothea Müller vom ver.di-Bundesvorstand zeigte auf, dass die Beteiligung
an Weiterbildungsmaßnahmen in den lezten Jahren immer mehr zurückgegangen
ist, die Bildungsträger mit der Öffnung zum Markt in immer stärkere
Existenznöte geraten und die Qualität von Angeboten neuer, billigerer
Anbieter oft zweifelhaft sei. Sie plädierte für eine Sicherung
der Fortbildung über Betriebsvereinbarungen und auf der Ebene von
Tarifverträgen, wobei man von diesem Ziel noch ein gutes Stück
entfernt sei.
Am Ende des Podiumsgesprächs entwickelte sich auch im Publikum eine
rege Diskussion zum Thema, welche sicherlich in einigen der zahlreichen
Workshops zum Thema Bildung fortgesetzt werden konnte.
Anna Bodenheimer
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