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Vortrag auf dem Berliner Perspektivenkongress am 15.5.04
1. „Das Private ist politisch“ – das war eine wichtige Parole
der neuen Frauenbewegung. Gemeint war: Einiges von dem, was dem
öffentlichen Diskurs und der öffentlichen Kontrolle
entzogen war, was als Privatsache galt und deshalb den Nachbarn
und die Nachbarin nichts anging, sollte Gegenstand öffentlicher
Erörterung und gemeinsamer Regelsetzung im politischen Gemeinwesen
werden, zum Beispiel Gewalt gegen Frauen in den Familien oder
Diskriminierung von Frauen in der Arbeitswelt. – Natürlich
war damit nicht gemeint, dass die Schranke zwischen dem Privaten
und dem Politischen niedergerissen werden sollte, dass es also
kein Recht auf eine individuelle Privatsphäre mehr geben
sollte. Gemeint war vielmehr, um es etwas präziser zu fassen,
zweierlei,
• erstens, dass sich unter dem Schutz der Privatsphäre
keine mit den Menschenrechten unvereinbare Herrschaft mehr verstecken
dürfe. Etwa: Vergewaltigung in der Ehe darf nicht mehr straffrei
sein.
• zweitens, dass auch das Private, die Regeln des Privaten,
die im privaten Bereich vorhandene Ungleichheit, Unterdrückung
und Ausbeutung nicht unter Berufung auf den Schutz der Privatautonomie
aus der öffentlichen Debatte herausgehalten und der Regelung
durch das Gemeinwesen entzogen werden dürfe. Etwa: Wenn Frauen
in der Privatwirtschaft diskriminiert werden, dann ist das ein
Problem, um das sich „die Politik“, also in einem
demokratischen Staatswesen die Parteien, die Parlamente und die
Regierungen kümmern müssen.
2. Hinter der Forderung, aus dem bislang Privaten etwas Politisches
zu machen, steckt eine bestimmte Vorstellung von Politik. Es ist
ein positiv besetzter Politikbegriff, der davon ausgeht, dass
die Menschen befähigt und deshalb auch verpflichtet sind,
ihre gemeinsamen Angelegenheiten vernünftig zu regeln. Ein
Begriff von Politik, der mit Öffentlichkeit zu tun hat. Mit
Öffentlichkeit in dem Doppelsinn, den dieses Wort in allen
westlichen Sprachen hat: Das Gegenteil von öffentlich (public)
ist einerseits geheim (secret), andererseits privat. Politik im
hier gemeinten positiven Sinne ist die Entscheidung öffentlicher
– im Gegensatz zu privaten – Angelegenheiten auf dem
Wege der öffentlichen – und nicht in Geheimkabinetten
stattfindenden – Diskussion und Willensbildung.
3. Ich befürworte diesen positiv besetzten Begriff von Politik,
und ich will an dieser Stelle eine Definition des Politischen
nennen, die ich für sehr brauchbar halte und meinem Vortrag
zugrunde lege. Es ist die Definition des US-amerikanischen politischen
Philosophen Benjamin Barber aus seinem 1984 erstmals erschienenen
und in Deutschland 1994 übersetzten Buch „Strong Democracy“
/ „Starke Demokratie“. Sie lautet: „Das Feld
des Politischen ist durch Bedingungen umschrieben, die öffentliches
Handeln und infolgedessen vernünftige öffentliche Entscheidungen
notwendig machen, wenn Uneinigkeit vorliegt und persönliche
oder unabhängige Urteilsgründe fehlen.“ (S. 104).
Ich werde später noch auf weitere Bestandteile dieser Definition
zurückkommen. Hier kommt es mir auf den doppelten Begriff
der Öffentlichkeit an. Barber sagt es so: Öffentliches
Handeln ist „ein Handeln, das sowohl von einer Öffentlichkeit
ausgeht als auch öffentliche Folgen haben soll. Die Politik
bezeichnet den Bereich des wir.“ (S. 107)
4. Lassen wir diesen positiven Begriff von öffentlicher
Politik einen Moment lang stehen und schauen wir uns die derzeit
herrschende neoliberale Ideologie zum Thema des Politischen, des
Privaten und der Öffentlichkeit an. Man könnte den Kern
dieser Ideologie mit einem Satz beschreiben, der ein genauer Gegen-Satz
zur eingangs genannten Parole der Frauenbewegung ist. Dieser Satz
könnte lauten: „Das Politische wird immer privater
- und das ist gut so!“
5. Das Private wird zum positiven Gegenbegriff gegen das Politische
erhoben. Das gilt auf vielen verschiedenen Ebenen, zum Beispiel
bei der Staatstätigkeit:
• Hinsichtlich aller ökonomischen Aktivitäten
des Staats gilt Privatisierung rundum als wünschenswert,
weil spätestens seit dem Zusammenbruch der kommunistischen
Staaten als erwiesen gilt, dass das Privatkapital stets besser
zu wirtschaften verstehe als der Staat. Staatswirtschaft gilt
prinzipiell als Misswirtschaft, als bürokratisch schwerfällig,
wenn nicht als anfällig für Korruption. Das alte sozialdemokratische
Konzept der mixed economy wird von kaum jemandem noch verteidigt.
Öffentliche Wirtschaftsunternehmen werden massenhaft privatisiert.
– Das bedeutet regelmäßig, dass die Löhne
und sozialen Standards ihrer Beschäftigten gesenkt werden,
die Gehälter ihrer Manager sprunghaft steigen. Es entsteht
hier übrigens auch ein Übergangsarbeitsmarkt für
Politiker, insbesondere Kommunalpolitiker, der – entgegen
der Legende vom Segen der Privatisierung – Filz und Korruption
fördert. Privatisierung öffentlicher Unternehmen der
Infrastruktur bedeutet häufig auch eine Verschlechterung
der Leistungen für die Kunden, wie bei den britischen Bahnen,
auf jeden Fall bedeutet sie eine komplette Bindung vormals öffentlicher
Leistungen an private Zahlungskraft. Markt statt Versorgungsprinzip.
Stilllegung unrentabler Strukturen, Einstellung unrentabler Dienste.
• Nicht nur öffentliche Erwerbsunternehmen wie Bahn
und Post, auch öffentliche Aufgaben werden privatisiert.
Neue, meist globale Märkte, etwa im Bildungswesen, werden
dabei politisch konstruiert. Bislang öffentliche Güter
werden kommodifiziert, also in Waren umgewandelt, damit sie auf
einem Markt handelbar und mit Profit produzierbar werden. Das
ist z.B. auch mit den Studiengebühren und anderen Formen
der Selbstfinanzierung von Universitäten gemeint: Die Umwandlung
der öffentlichen Dienstleistung Bildung und Wissenschaft
in eine Ware, die entsprechend der zahlungskräftigen Nachfrage
der Wirtschaft oder der Bildungssuchenden produziert wird. Aus
Studierenden, aus „akademischen Mitbürgern“,
die der Mitbestimmung fähig sind, werden „Kunden“,
die sich marktgerecht verhalten, die ihre Bildungsgutscheine an
die Hochschulen und Studiengänge mit den aussichtsreichsten
Berufschancen verteilen. – Selbst wenn ein Modell eingeführt
würde, das alle Studierenden mit gleich vielen unverkäuflichen
Bildungsgutscheinen ausstatten würde und somit Benachteiligung
nach sozialer Herkunft der Studierenden zuverlässig ausschlösse
– und ich sehe kein solches Modell –, dann bliebe
der Einwand berechtigt, dass an die Stelle der „akademischen
Republik“ ein Markt träte. Markt statt Republik –
wäre das schlimm? – Ich denke schon. Denn Markt bedeutet
stummes Entscheiden der einzelnen Nachfrager, ohne dass der einzelne
für das Gesamtergebnis Verantwortung trüge. „Republik“
bedeutet Kommunikation, Diskurs und Öffentlichkeit, bedeutet
bewusste Entscheidung – z.B. über die Einrichtung und
Beibehaltung von Studiengängen, die vielleicht nicht populär,
aber für die Zukunft von Gesellschaft und Kultur wichtig
sind.
• Der US-amerikanische Ökonom und Gesellschaftstheoretiker
Albert Hirschman hat diesen hier am Beispiel des Bildungswesens
erklärten Unterschied mit den Begriffen exit und voice beschrieben.
Beides sind Möglichkeiten der Einwirkung auf Organisationen:
Man kann bei unzufriedenheit einfach austreten – oder eine
Ware nicht mehr kaufen. Das wäre das marktgemäße
Exit-Verhalten. Man kann stattdessen seine Stimme erheben und
seine Beschwerde oder Kritik vorbringen, auf Änderung dringen,
neue Mehrheiten suchen – das wäre Voice-Verhalten.
Es ist klar, dass das Voice-Verhalten eher ein politisches Verhalten
ist, dass es eher dem Ideal des Bürgerengagements entspricht.
Selbstverständlich können Menschen nicht überall
ihre Stimme erheben und Mitbestimmungsansprüche anmelden,
denn ihre Zeit und Energie ist begrenzt. Deshalb ist es ein Glück
und eine Entlastung, dass es die Institution des Markts gibt,
die es uns im Alltag ermöglicht, einfach zu kaufen oder nicht
zu kaufen, ohne lange zu diskutieren und zu begründen. –
Allerdings: Bei der Entscheidung von Fragen, die uns wichtig sind
und die wir gemeinsam regeln wollen, das gilt für Studiengänge
an der Universität ebenso wie für die Gestaltung der
sozialen Sicherung, das gilt eben für alle Fragen, die wir
als politisch ansehen, sollten wir nicht auf öffentliche
Diskussion und gemeinsame Entscheidung nach Vernunftgesichtspunkten
verzichten. Vor allem deshalb, weil unsere politischen Entscheidungen
Folgen haben, für uns und andere, die wir mit bedenken müssen.
Weil wir also Verantwortung übernehmen müssen. Max Weber
hat die Verantwortungsethik, das Bedenken der Folgen von Entscheidungen,
geradezu für ein Markenzeichen des Politischen erklärt.
Und es ist klar, dass das marktspezifische Exit-Verhalten, bei
dem der einzelne eine isolierte kurzfristige Nachfrage-Entscheidung
trifft und die Summe dieser Einzelentscheidungen sich dann zu
einem Ergebnis addiert, dass vielleicht keiner so gewollt hat,
mit Verantwortung und Verantwortlichkeit nichts zu tun hat. Das
Marktprinzip ist das Prinzip des organisierten Nicht-Verantwortlich-Seins.
– Das ist solange nicht schlimm, wie das Marktprinzip in
den Grenzen gehalten wird, in denen es bei der Produktion und
Konsumtion von Gütern gesellschaftsdienlich und menschengerecht
funktioniert. Schlimm wird es aber, wenn öffentliche Güter,
wenn gesellschaftliche Dienste, wenn soziale Sicherheit auf das
Marktprinzip, auf die Entscheidung nach Exit-Option, umgestellt
werden.
• Genau dies ist, wie wir alle wissen, eine der Folgen
der kapitalistischen Globalisierung. Das Kapital hat gegenüber
den Arbeitnehmern und ihren Gewerkschaften und gegenüber
den Nationalstaaten einen Vorsprung an Exit-Optionen, der gnadenlos
genutzt wird. Es ist zeitlich und räumlich mobiler als jede
politische Gegenkraft und jede staatliche Regulierungsinstanz.
Insbesondere die Volatilität und rasche Mobilität des
Finanzkapitals bedroht politische Handlungsspielräume; deshalb
entstanden globale Gegenvorschläge politischer Gegensteuerung,
etwa Tobin-Steuer, aus denen auch ATTAC hervorgegangen ist. –
Die immer noch vorherrschende neoliberale Ideologie allerdings
sieht hier gar kein Problem. Im Gegenteil: In den Wirtschaftsteilen
der Zeitungen und den Gutachten von Wirtschaftsprofessoren werden
uns die globalen Finanzmärkte geradezu als die besseren Gemeinwohlproduzenten
angepriesen. Angeblich bestrafen und belohnen sie rasch und weltweit
falsche und richtige Regierungspolitiken. Und richtige Regierungspolitiken
sind dann jene, die Staats- und Sozialausgaben kürzen, den
Markt für Produkte der Industrieländer öffnen und
die eigene Infrastruktur sowie auch die Rechts- und Sozialordnung
auf die Bedürfnisse von Investoren ausrichten.
• In dieser Ideologie liegt zunächst eine Mystifizierung:
Die Finanzmärkte erscheinen als Akteure – was natürlich
ein Irrwitz ist: Ein Markt, auch ein Finanzmarkt, ist, um es noch
einmal zu betonen, nicht handlungsfähig, er kann nichts wollen
und nichts tun, sondern er ist eine Struktur, die Einzelhandlungen
in ein Gesamtergebnis umsetzt, das kein einzelner so gewollt hat.
Das ist sogar der Sinn dieses Markt-Prozesses seit Adam Smith:
Es agiert eine invisible hand, eine unsichtbare, von keinem Akteur
bewusst geführte Hand. – Wenn uns also vorerzählt
wird, dass „die Finanzmärkte“ etwas bestrafen
oder belohnen (und das auch noch schnell!), dann soll uns, wie
es schon im Bild von Adam Smith anklingt, etwas Übernatürliches,
eigentlich irgendwie Göttliches – „unsichtbar“,
mit der Gewalt ausgestattet, zu richten und zu verdammen –
vorgeführt, ja vorgemacht werden. Die neoliberale Ideologie
kommt ohne religiöse Mystifikationen nicht aus. Dabei ist
klar, was hier mystifiziert und verschleiert wird: Der Gott Finanzmarkt
bedient nur sehr enge, begrenzte Interessen, nämlich die
der Geldvermögensbesitzer, die auf eine möglichst hohe
und möglichst rasche Profiterzielung gerichtet sind, und
denen jede reale Produktion von Gütern und Dienstleistungen
nur als Mittel zu diesem Zweck dient: Shareholder Value pur also.
(Übrigens macht die Alterssicherungspolitik der Bundesregierung
uns tendenziell alle zu Abhängigen von Pensionsfonds, Shareholder-Value-Prinzipien
und Finanzmärkten. Wir werden gezwungen, Kapitalisten zu
werden. Ich halte diesen Zwang für einen Verstoß gegen
die laut Artikel 1 GG unantastbare Menschenwürde. –
Die Gewerkschaften spielen dabei mit, durch eigene bzw. von ihnen
mitverwaltete Rentenfonds für ihre Mitglieder. Aber das ist
zwar keine andere Geschichte, aber ein besonderes Problem, das
ich an dieser Stelle nicht weiterverfolgen kann.)
• Aber auch der neue Gott Finanzmarkt braucht seine Stellvertreter
auf Erden, die dafür sorgen, dass sein Wille auch gegen Widerstand
sich durchsetzt. Diese Stellvertreter sind mächtige Institutionen
wie WTO, Weltbank und IWF. Und das sind selbstverständlich
politische Institutionen: Bestückt mit Politikern, gewählt
von politischen Gremien. Es sind Institutionen, in denen, wenn
es gut geht, wie beim WTO-Gipfel in Cancun, auch politischer Streit,
also Streit um Werte und Interessen, ausgetragen wird. Das heißt,
und damit komme ich zu einem Beleg für meine generelle These:
Wenn Politik scheinbar durch Markt verdrängt, an den Markt
und den Bereich der Privatautonomie delegiert wird, dann ist das
selbst eine politische Entscheidung. Der Markt selber entscheidet
nicht nur nicht, er braucht auch zu seinem Funktionieren politische
Vorgaben und Bestandsgarantien. – Das ist natürlich
nichts Neues: Alle Staatstheorien haben schon immer Kernbereiche
dessen bestimmt, was nur der Staat kann, was das private Kapital
und der Markt nicht können. Dazu gehört zum Beispiel
die Produktion von „Sicherheit“ mit Hilfe des staatlichen
Gewaltmonopols. Um es genauer und mit Max Weber zu sagen: des
Monopols legitimer physischer Gewaltausübung.
• Aber auch hier ist Privatisierung eine starke Tendenz.
Hier in Berlin z.B. beschäftigten schon Ende der 90er Jahre
private Sicherheitsfirmen ebenso viele Leute wie die Polizei.
In den USA ist die private Gefängnisindustrie ein boomender
Wirtschaftszweig. In Irak erleben wir jetzt Beispiele der Privatisierung
von Kriegführung, der Verschmelzung des staatlichen Besatzungs-
und Geheimdienstapparats mit von Söldner- und Folterfirmen.
Gibt es noch ein staatliches Gewaltmonopol, ein Monopol der Hoheitsfunktionen,
wenigstens im Repressionsapparat? Warum sollten sich mächtige
Kapitale nicht auch private Gewaltmonopole einrichten und kaufen
können? – Sie tun es schon, aber mir scheint zweifelhaft,
ob es gelingen kann, den Staat mit seinen Kernfunktionen komplett
zu privatisieren. Das würde ja ein neues Mittelalter bedeuten.
Feudale Konzernherren würden weltweit mit Privatarmeen gegeneinander
Konkurrenz austragen und Kriege führen. Die Auseinandersetzungen
zwischen Warlords oder Paramilitärs in den sogenannten „failed
states“ nach afrikanischem oder kolumbianischen Muster als
Modell der Zukunft? – Aber soll dann auch jeder Privatkonzern
sein eigenes Geld haben? Mindestens an dieser Stelle würden
die Finanzmärkte in einer Götterdämmerung versinken.
• Ich breche meine Überlegungen und Fantasien zur
Privatisierung der Staatstätigkeit hier ab – mit dem
Zwischenergebnis, dass aus meiner Sicht ein Minimum an Staatlichkeit
auch für das entfesselte private Weltkapital unentbehrlich
bleibt, wenngleich dieses Minimum uns keineswegs von selbst Hoffnung
auf eine demokratische oder humane Entwicklung der Weltgesellschaft
machen kann.
6. Mein Thema ist Privatisierung der Politik. Ich habe die immer
noch vorherrschende Ideologie mit dem Satz charakterisiert: „Das
Politische wird immer privater und das ist gut so!“ Bisher
habe ich benannt, was dieser Satz für die Staatstätigkeit
bedeutet:
• Privatisierung öffentlicher Unternehmen: Markt statt
Versorgung,
• Privatisierung öffentlicher Aufgaben: Markt statt
Republik,
• Exit statt voice und organisiertes Nicht-Verantwortlich-Sein,
• Finanzmärkte als die neuen Götter und ihre Stellvertreter
auf Erden,
• Privatisierung von Teilen des staatlichen Gewaltmonopols.
7. Der Satz „Das Politische wird immer privater“
gilt aber auch für die Kehrseite, für die backstage,
für die Regeln der Selbstdarstellung der Politik in den –
ihrerseits überwiegend privatkapitalistisch verfassten –
Medien und damit für die öffentliche Meinungsbildung.
Dazu nur einige Stichworte:
• Wir erleben eine Personalisierung der sogenannten „politischen
Kommunikation“ durch die Medialisierung politischer Auseinandersetzungen,
insbesondere von Wahlkämpfen. Wie ein Politiker/eine Politikerin
über die Medien bei den Wählern „ankommt“,
ist eine durch Umfragen ständig an die Politiker rückgekoppelte
Grundlage des politischen Handelns aller prominenten Akteure.
– Die mediale Darstellung der Politik als eines ausschließlich
oder überwiegend persönlichen Machtkampfs zwischen den
AkteurInnen verstellt nicht nur den Blick für inhaltliche
Kontroversen und Alternativen der Politik, sondern ist auch ein
Beitrag zu einer negativen politischen Bildung: Den Machtkämpfern
werden niedrige Motive unterstellt, Politik erscheint als ein
„schmutziges Geschäft“, Verdrossenheit gegenüber
„den Politikern“, der „politischen Klasse“
wird befördert. Bundespräsident Rau hat in seiner letzten
großen Rede diese Entwicklung deutlich angeprangert. –
Im übrigen wirkt die mediale Personalisierung auch gegenüber
den Politikern als self-fulfilling prophecy: Die glauben dann
wirklich, einen tollen Erfolg errungen zu haben, wenn sie in den
Medien als raffinierte Schachspieler dastehen. So etwa bei den
Entscheidungen der Bundesregierung über die Neubesetzung
der Chefstellen der Bundesanstalt für Arbeit und der Bundesbank
in diesem Jahr: Beide Male wurden so konservative Männer
ausgewählt, dass es der Opposition und „der Wirtschaft“
an Kritikgründen fehlte. Darauf waren die auswählenden
Minister Wolfgang Clement und Hans Eichel stolz, und sie wurden
dafür von der Presse als clever belobigt. Was die Personalentscheidungen
für die an nicht unwichtigen Positionen agierenden Herren
Weise und Weber für die politischen Inhalte und für
die politische Richtung in der Arbeitsmarktpolitik und in der
Geld- und Finanzpolitik bedeuten könnten, erschien für
den medial inszenierten Diskurs völlig unwichtig. Weder war
in den Zeitungen etwas darüber zu lesen, für welche
Politik denn eigentlich Herr Weise oder Herr Weber steht, noch
gab es darüber einen öffentlichen Disput seitens der
Gewerkschaften oder anderer Kritiker, noch wurde die Bevölkerung
dazu befragt – wie hätte sie auch etwas darüber
in Erfahrung bringen können, wo die Medien sie lieber mit
Daniel Kublböck oder Gerhard Schröders Haarfarbe beschäftigen?
• Zur Privatisierung der Politik gehört selbstverständlich
auch die Wahlkampfführung, die sich seit den erfolgreichen
„Kampas“ von Schröder 1998 und 2002 euch hier
nach US-amerikanischem Vorbild grundlegend verändert hat.
Parteimitglieder und Parteiaktive werden allenfalls noch als Verstärker
medialer Inszenierungen eingesetzt, nicht mehr als Überzeugungswerber
im sozialen Milieu und im persönlichen Umfeld als wichtig
erachtet.
• Schließlich gehört zur backstage der Privatisierung
von Politik die Ausuferung des privaten Politikberaterwesens als
eines profitträchtigen Wirtschaftszweigs. Ich belasse es
hier bei diesem Hinweis. Die Skandale, die zum Rücktritt
von Rudolf Scharping und von Florian Gerster geführt haben,
die Rollen diverser Firmen, darunter Roland Berger seien hier
nur erwähnt. – Auf die einfache Idee scheint niemand
zu kommen, dass eine Regierung oder eine Kommune, die eine private
Unternehmensberatungsfirma mit einer Untersuchung etwa der Leistungsfähigkeit
öffentlicher Dienste beauftragt, ein von vornherein befangenes
Urteil für mehr Privatisierung erhalten wird.
8. Zwischenresümee: Die derzeit herrschende Ideologie sagt
uns: Die öffentlichen Angelegenheiten sind eine Illusion,
der Staat ist bürokratisch unfähig, in seiner Regulierungswut
gefährlich und deshalb schlank zu halten, es sei denn es
gehe um Militär, Geheimdienste und Polizei – das Private
dagegen ist von vornherein das Gute. Nach dieser Ideologie hat
das Öffentliche, das Politische gegenüber dem Privaten
stets die Beweislast. Schon das Erheben von Steuern erheben ist
danach im Prinzip Diebstahl am Privateigentum. Markt ist bis zum
Beweis des Gegenteils immer besser als Politik, Öffentlichkeit
und Staat.
9. Natürlich ist diese Ideologie der privatistischen Antipolitik
selber eine politische Doktrin, das heißt ein Ausdruck von
sehr partikularen Interessen und umstrittenen Werten. Inhaltlich
handelt es sich um eine Rückkehr zum ökonomischen Vulgärliberalismus,
zum Manchesterkapitalismus, eine Radikalisierung des von Adam
Smith formulierten Vertrauens, dass die Privatindividuen beim
Verfolgen ihrer Privatinteressen das Gemeinwohl mehr oder weniger
von selber, jedenfalls ohne dies ausdrücklich zu wollen,
mit erreichen und bewirken. Und natürlich ist diese Doktrin,
wie alle politischen Doktrinen und Ideologien, Ausdruck eines
bestimmten Interesses: Zu Smith’ Zeiten der aufstrebenden
Bourgeoisie, heute all derer, die hinsichtlich ihres privaten
Kapitals besser dran sind oder glauben besser dran zu sein als
die anderen. Also der Geldvermögensbesitzer, der Privatunternehmer,
der Besserverdiendenden, die auf öffentliche Dienstleistungen
weniger angewiesen sind. Die Antipolitik ist also sehr wohl Politik.
Das Plädoyer für den Vorrang des Privaten folgt durchaus
privaten Interessen.
10. Hier sei kurz auf die ursprüngliche Wortbedeutung von
„privat“ eingegangen. Im Lateinischen kommt es von
„privare“ – berauben. Gemeint ist der des sozialen
Zusammenhangs Beraubte, der Ausgegrenzte. Im (Alt- und Neu-)Griechischen
ist das noch deutlicher: Dasselbe Wort, Idiotis, steht für
„Privatmann“ und „Geisteskranker“. Der
Private, der Idiot, ist also derjenige, der sich nur auf sich
selbst zu beziehen vermag und der sich damit aus sozialen Zusammenhängen
ausschließt – oder aus ihnen ausgeschlossen wird.
11. Auch in modernen kapitalistischen Gesellschaften ist es angemessen,
sich Privatisierung durchaus als Idiotisierung vorzustellen. Denn
die Ersetzung des Öffentlichen durch das Private bedeutet
immer auch mehr Legitimation für egoistisch-idiotisches Ellenbogenverhalten
und für mehr soziale und ökonomische Ungleichheit auf
Kosten der staatsbürgerlich-politischen Gleichheit. In der
Sphäre des Privaten gibt es eine ungleiche Verteilung der
sozialen und ökonomischen Ressourcen, und der Kapitalismus
kann sich überhaupt nur aufrechterhalten, wenn diese Ungleichheit
ständig reproduziert wird. Wer für den Vorrang des Privaten
vor dem Politischen eintritt, der tritt ein für eine dauerhaft
ungerechte Ungleichverteilung von Lebenschancen.
12. Wie kann sich die Ideologie der Privatisierung des Politischen
überhaupt etablieren und behaupten – in einer freien
Gesellschaft, in der öffentliche Diskurse, freie Presse und
kritische Wissenschaft immerhin möglich sind? – Ich
denke, dass der Erfolg des „Privatismus“ oder besser
des „Idiotismus“ als politischer Doktrin auch damit
zu tun hat, wie Wissenschaft in dieser Gesellschaft institutionalisiert
ist. Eine bestimmte Art von Wissenschaft, und zwar gerade die
idiotistische Variante der Wirtschaftswissenschaft, funktioniert
mittlerweile als Ersatzreligion. Sie liefert uns lebensnahe Erklärungen
und zugleich klare Dogmen, verbunden mit dem Laien unverständlichen
scholastischen Streitigkeiten und Exerzitien, die den Priestern
noch zusätzliche Hochachtung bescheren. Wir haben es also
zu tun mit einer Dogmatisierung der Antipolitik, etwa in ständig
wiederholten Sentenzen wie: „Wissenschaftlich ist bewiesen,
dass wir über unsere Verhältnisse leben, dass der Staat
sparen muss, dass die Lohnkosten zu hoch sind, dass der Arbeitsmarkt
zu rigide reguliert ist, dass die sozialen Sicherungssysteme nicht
mehr finanzierbar sind, dass die Gewerkschaften zu mächtig
sind, dass die deutschen Manager im Vergleich zu den amerikanischen
zu wenig verdienen, dass der deutsche Sozialstaat keine Zukunft
hat, dass die hohen Steuern Investoren abschrecken, dass Deutschlands
Wirtschaft im internationalen vergleich besonders schlecht abschneidet,
dass wir mehr Liberalisierung brauchen, dass die Reformen der
Schröder-Regierung in die richtige Richtung gehen, aber noch
nicht ausreichen ….“ – Ich höre hier auf.
Alles hier Genannte wird nicht nur von Interessenvertretern und
deren Parteien als politisches Argument vertreten, sondern allen
Ernstes als gesicherte Erkenntnis „der“, also der
„objektiven“, Wissenschaft ausgegeben, und von den
regierenden Politikern als objektive Wahrheit dieser Wissenschaft
hingenommen, akzeptiert – jedenfalls nicht prinzipiell angezweifelt.
Im Gegenteil: Der Mythos, dass z.B. der Sachverständigenrat
zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einen
Rat „der Weisen“ darstelle, wird gepflegt, als wisse
nicht jeder, dass hier seit spätestens Kohls Zeiten ein Wächterrat
der neoliberalen Ideologie, zuweilen um einen gewerkschaftsnahen
Minderheitsgutachter bereichert, seines Amtes waltet. Zur Flankierung
der eigenen politischen Ziele – oder der eigenen Ratlosigkeit
– werden von der Bundesregierung Schröder Kommissionen
aus Wissenschaftlern und Interessenvertretern (Hartz-Kommission,
Rürup-Kommission) eingesetzt, denen dann soviel außerhalb
des politischen Streits stehende Objektivität oder Erkenntniskraft
zugeschrieben wird, dass Regierung und Parlament deren Vorschläge
ohne jede Debatte („Eins-zu-Eins“, so Schröder
zu Hartz 2002) „umzusetzen“ verpflichtet werden.
13. Die daraus abgeleitete Botschaft der Politiker ist dann an
Primitivität kaum zu übertreffen. Sie lautet: Zu dieser
Empfehlung der Wissenschaft, der Sachverständigenkommission
etc. gibt es keine Alternative! Das ist natürlich absoluter
Quatsch, aber die „There-Is-No-Alternative“ (TINA)-Formel
war schon für viele Politiker, seit Margaret Thatcher sie
erfunden hat, eine wichtige Legitimationsformel – in Deutschland
seit 1999 vor allem für Schröder und Fischer. –
Dies ist nun aber nicht einfach eine erklärliche und lässliche
Sünde von bedrängten Machtkämpfern. Die Politiker,
die Thatchers TINA-Politik propagieren, sind nicht nur Lügner
– denn sie wissen sehr genau, dass es Alternativen zu ihrer
Politik gibt und wollen diese Alternativen nur unterdrücken
–, sondern sie untergraben auch die Demokratie und die Chancen
demokratischer politischer Bildung.
14. Hier komme ich zurück auf Benjamin Barbers weitere Elemente
der Definition von Politik: Zur Politik gehört „Uneinigkeit“
und „Fehlen von unabhängigen Urteilsgründen“.
Und erst diese Uneinigkeit und das Fehlen von allgemein anerkannten
Dogmen und Werthierarchien macht es erforderlich, dass sich Bürgerinnen
und Bürger selber verständigen und – möglichst
über das gemeinsam zu Bewerkstelligende einigen. Barber:
„Gäbe es gesichertes Wissen, wahre Wissenschaft und
absolut Richtiges, existierte keine Uneinigkeit, die sich nicht
durch Bezugnahme auf die Einheit der Wahrheit auflösen ließe.
Folglich bestünde auch keine Notwendigkeit für Politik.“
(S.116)
15. Und keine Möglichkeit für Demokratie: Denn was
sollen Wahlen, wenn die richtigen, alternativlosen Inhalte der
zu fällenden politischen Entscheidungen ohnehin schon entweder
feststehen oder aber von der Wissenschaft noch zu finden sind?
Und selbst wenn man Demokratie im Sinne von Schumpeter auf die
Auswahl von Führern durch die Geführten reduzieren möchte:
Gibt es nicht auch hier eine Wissenschaftsdisziplin und entsprechende
Privatfirmen, die den Job der richtigen Auswahl des Führungspersonals
besser beherrschen als das dumme Volk? Warum sollte man die Aufgabe
der Suche der geeignetsten Staats-ManagerInnen nicht einer privaten
Headhunter-Firma, die mit so was Erfahrung hat, übertragen,
statt den Wählerinnen und Wählern? – Das Misstrauen
gegenüber dem demokratischen Souverän nimmt ohnehin
in Deutschland dramatisch zu: Legislaturperioden der Parlamente
werden von 4 auf 5 Jahre verlängert, die permanente Angewiesenheit
der Regierenden auf Tests in Landtagswahlen wird beklagt, weil
die dauernde Rücksicht auf die Wähler die Politiker
davon abhalte, die richtige Politik durchzuhalten. Richtige Politik,
so wird damit impliziert, ist eine Politik, die von den Wählern
nicht als richtig akzeptiert wird. Was sollen die Regierenden
da tun? Sie versuchen sich möglichst von den Wählern
unabhängig machen und werden dabei von Medien, Wirtschaftssprechern
und Teilen der Wissenschaft bestärkt. Für die nämlich
scheint es, entgegen Benjamin Barber, „unabhängige
Urteilsgründe“ für Politik zu geben, eben richtige,
alternativlose Politik im Sinne neoliberaler Dogmen. – Es
führt aus meiner Sicht kein Weg an einem sehr harten Urteil
über diese Verfechter der Alternativlosigkeit aus Regierungen,
Parteien, Medien und Wissenschaft vorbei: Man muss sagen, dass
es sich hier um antidemokratisches Denken handelt.
16. Die Privatisierung von Politik, die Privatisierung öffentlichen
Eigentums, öffentlicher Aufgaben, öffentlicher Räume,
das Outsourcing öffentlicher Entscheidungen in scheinbar
„objektive“ Kommissionen und Beraterfirmen und –gremien,
das Außer-Streit-Stellen des mit guten Gründen Umstrittenen
– all das heißt für die Bundesrepublik Deutschland:
Die Demokratie erodiert gleichzeitig an vielen Stellen. Wir bewegen
uns in Richtung auf eine schwache, defiziente Demokratie. Diese
Bewegung ist keineswegs ein unvermeidliches Ergebnis der Globalisierung
oder des Handlungsverlusts des Nationalstaats. Sie ist politisch
gesteuert und gewollt. Und deswegen lässt sich durch politische
Aufklärung und Mobilisierung auch etwas dagegen tun. Ich
sehe diesen Perspektivenkongress als Ausdruck des Willens, etwas
dagegen zu tun. Und ich wünsche mir, dass von diesem Kongress
Anregungen zur Wiederaneignung der Politik als öffentliche
Angelegenheit durch die Bürgerinnen und Bürger ausgehen.
Prof. Dr. Bodo Zeuner
(Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität
Berlin) |